" ... denn die Kunst ist eine Tochter der Freiheit ! "
(aus Friedrich Schillers Abhandlung Über die ästhetische Erziehung des Menschen )
" … I can't understand why people are frightened of new ideas. I'm frightened of old ones." John Cage
" … Schauerlich - Verdi mag ich nicht - diese Tränendrüsenitalianitá - geht nur ins Ohr um die Gehörgänge zu verschmutzen -
Ich gehe nur in Mozartopern - die langweilen mich auch - aber auf höchstem Niveau - und zu Wagner …"der Großindustrielle Herrenstein
in Elisabeth II. von Thomas Bernhard (1987)
Bemerkungen zum Musiktheater
und den Musiktheaterschaffenden
Einige Überlegungen zu einer spannenden Kunstform - heute und morgen
von Rupert Bergmann
Das Musiktheater erzählt Geschichten mit dem gleichberechtigten Einsatz von Musik und Theaterkunst,
die sich im Idealfall ergänzen und zu neuen ästhetischen Ebenen finden. Dort wo menschliche Eitelkeit die eine der beteiligten Kunstformen
über die anderen siegen lässt, ist die Unternehmung Musiktheater zum Scheitern verurteilt.
Die Oper ist eine historische Form von Musiktheater. Wir müssen uns mit ihren Traditionen auseinandersetzen,
aus ihnen schöpfen aber nicht an ihnen hängen bleiben. Ohne das Alte wäre das Neue ohne Basis, ohne Bezugspunkte wie die Werke
von Wolfgang Amadé Mozart oder von Richard Wagner; ohne das Neue aber verkäme das Alte zuletzt zur museal-kulinarischen Bequemlichkeit.
Der Gesang - die vokale Äußerung jenseits der Sprache - muss ausdrucksvoll sein um seine Zuhörer zu
erreichen, er darf dabei sogar "schön" sein, wenn das der Inhalt oder die Form des zu Sagenden erfordern, er sollte aber niemals zum
Selbstzweck oder zur reinen sportlichen Leistung werden.
Worte transportieren den Sinn des zu Sagenden, wenn Worte gesungen werden, dann müssen sie genauso verstanden
werden, auch wenn Töne und Klänge der Bedeutung neue Dimensionen hinzufügen.
Es gibt auch intelligente, mit-denkende Sänger/darsteller. Menschen, die auf der Bühne stehen sind Menschen
wie alle anderen auch, zwar mit einer besonderen und geschulten Begabung, aber auch mit Schwächen und Eitelkeiten. Die Gefahr,
dass sie zu Sklaven der künstlerisch oder ökononisch Verantwortlichen werden, ist groß und liegt im System des heutigen Musiktheaterbetriebes. Dieser Gefahr ist zu widerstehen ebenso wie dem Überhöhen eines singenden Menschen auf das Podest einer zu verehrenden Halbgottheit.
Die Zwänge des Musiktheaterbetriebes führen unweigerlich zu Auseinandersetzungen und Frustrationen des einzelnen.
Dieser muss im Laufe seines Weges eine Strategie entwickeln, damit um zu gehen und daraus positive Energie für seine Arbeit zu schöpfen.
Solange die Freude an der Musik und am Musik-machen noch nicht erloschen ist, ist der richtige Weg noch nicht verlassen.
Karriere machen bedeutet letztlich sich künstlerisch treu zu bleiben, egal wie "groß" die Karriere
dann auch immer sein wird. Voraussetzungen sind Begabung und Schulung, den äußerlichen Verlauf eines künstlerischen Lebens aber bestimmen
Zufälle und das Glück, gerade zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und dort auf die "richtigen Menschen" zu treffen.
Gemeinsames Musizieren ist die ideale künstlerische Arbeitsweise am Musiktheater. Das beste Ergebnis stellt
sich ein, wenn alle Beteiligten auf gleicher Augenhöhe mit den künstlerisch Verantwortlichen an einem Projekt arbeiten getragen von
gegenseitigem Respekt und Vertrauen.
Dennoch ist das Musiktheater als Institution kein Ort der Basisdemokratie. Zwar müssen Meinungen respektiert
werden, dennoch liegen künstlerische wie ökonomische Entscheidung letztlich in der Hand eines oder weniger.
Kulturpolitik hat die Aufgabe dem Musiktheater geeignete Rahmenbedingungen zu verschaffen. Eine verantwortungsvolle
Kultur- und Kunstpolitik wird erkennen, dass die Weiterentwicklung des Musiktheaters ebenso wichtig ist, wie die Pflege des Bestehenden, sie wird
neue Musiktheaterinitiativen unterstützen um ihnen gegenüber historisch lang gewachsenen Strukturen Gehör und Gewicht zu
verschaffen.
Die Anzahl von Zuschauern und Zuhörern - die Quote - kann nie ein wichtiger Massstab für das Musiktheater sein.
Diese Kunstform war, ist und wird immer ein Minderheitenprogramm bleiben und hat gerade deswegen auch in einer modernen Demokratie das Recht
auf öffentliche Finanzierung. Private Finanzierungsformen sind nicht von vornherein abzulehnen, sie bedeuten allerings letztlich immer irgendeine
Form von Einflussnahme auf das künstlerische Projekt.
Öffentliche Kritik ist ein Teil der Realität heutigen Musiktheaters, die zur Reflexion anregen kann aber
ebenso der Gefahr der Einseitigkeit ausgesetzt ist. Auch wenn sie per se subjektiv ist, ist sie nur dann wertvoll, wenn sie vom Respekt
vor dem Werk und der Arbeit und der Persönlichkeit der Interpreten getragen ist. Die Instrumentalisierung der Kritik zum Mittel der
Kulturpolitik ist völlig abzulehnen: die Kritik ist der Kunst verpflichtet und nicht der Politik genauso wie sich die Politik an der
Kunst und ihren Bedürfnissen zu orientieren hat und nicht an der Kritik über diese.
Wien war und ist ein internationales wie nationales Zentrum der Musik und des Musiktheaters mit großen
Ressourcen und Leidenschaften für diese Kunstformen, vor allem für deren Errungenschaften aus der Vergangenheit. Diese große Tradition
ist selbstredend Verpflichtung. Sie wird aber zusehends zur Last, weil sie die Gefahr in sich birgt, das Neue an den Rand zu drängen,
es zu hemmen und in einem selbstgefällig rückwärtsgewandten Konservativismus zu schmoren: auch dieser Gefahr ist entschieden zu
widerstehen, denn ohne das Neue wird letztlich auch das Alte nicht überleben.
Wien, im Februar 2004 / ergänzt 2008
" … Österreich - grotesk - minderbemittelt - ist das richtige Wort - unzurechnungsfähig - ist der richtige Ausdruck
- Mozart Schubert - widerwärtige Präpotenz - Glauben Sie mir - an diesem Volk ist nicht das geringste - mehr liebenswürdig - wo wir hinkommen
- Mißgunst - niederträchtige Gesinnung - Fremdenfeindlichkeit - Kunsthaß, nirgendwo sonst begegnen sie der Kunst - mit solcher Stupidität
- Kunst Kunst Kunst - hier wissen sie ja gar nicht - was das ist - Der wahre Künstler - wird in den Dreck gezogen - dem verlogenen dem
nichtsnutzigen - laufen sie alle nach - machen den Buckel - vor dem Scharlatanismus … " der Staatsschauspieler Bruscon in
Der Theatermacher von Thomas Bernhard (1984)